Extreme Müdigkeit, Übelkeit, Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, vielleicht Herzstolpern oder ein diffuser Druck im Rücken oder Kiefer: Mit diesen Symptomen sucht eine Frau ihre Ärztin oder ihren Arzt auf – doch was steckt dahinter? Die Einordnung ist oft schwierig. Ganz anders das klassische Bild beim Mann: ein starker Schmerz in der linken Brust, der in den Arm ausstrahlt, kalter Schweiß, Kollaps. Die Diagnose scheint eindeutig: Herzinfarkt – sofortige Einweisung ins Krankenhaus. Was viele nicht wissen: Auch die Frau könnte einen Herzinfarkt erlitten haben. Doch ihre Symptome entsprechen nicht dem jahrzehntelang vermittelten „typischen“ Lehrbuchbild – denn dieses basiert überwiegend auf männlichen Patienten (Abb. 1). Die oft unspezifischeren Beschwerden von Frauen sind deutlich weniger bekannt [1]. Die Folge: Frauen erreichen die Notaufnahme im Durchschnitt rund zwei Stunden später als Männer und erhalten entsprechend verzögert eine Therapie [2]. Im Ernstfall können diese zwei Stunden über Leben und Tod entscheiden.
Dieses Beispiel steht stellvertretend für die sogenannte Gender Health Gap. Über Jahrhunderte orientierte sich medizinische Forschung am männlichen „Durchschnittskörper“. Krankheiten, die vor allem Männer betreffen, wurden intensiver untersucht, und Symptome männlicher Patienten galten als medizinischer Standard. Die Konsequenzen sind bis heute spürbar: Erkrankungen, die primär oder ausschließlich Frauen betreffen, wurden lange vernachlässigt. Gleichzeitig führen geschlechtsspezifische Unterschiede in Symptomatik und Krankheitsverlauf noch immer zu verspäteten oder fehlerhaften Diagnosen bei Menschen, die nicht dem männlichen Referenzmodell entsprechen [3]. Anlässlich des Internationalen Frauentags 2026 werfen wir einen genaueren Blick darauf, wie Frauen in der Medizingeschichte systematisch unterrepräsentiert waren – und warum die Medizin nun beginnen muss, jahrhundertealte Forschungslücken zu schließen.
1) Unsichtbare Patientinnen: Gender Bias in der Forschung
2) Geschlechterrepräsentative Studien – Wer wird (nicht) erforscht?
3) Strukturen in Bewegung: Auf dem Weg zur geschlechtersensiblen Medizin
Unsichtbare Patientinnen: Gender Bias in der Forschung
Die Gender Health Gap beschreibt eine strukturelle Ungleichheit in der medizinischen Versorgung von Frauen und Männern. Sie entsteht vor allem dort, wo Daten nicht geschlechtsspezifisch erhoben, ausgewertet oder interpretiert werden – meist mit Nachteilen für Frauen. Wird das biologische Geschlecht bei Studienplanung, -durchführung und -analyse nicht systematisch berücksichtigt, bleiben relevante Unterschiede in Symptomatik, Krankheitsverlauf und Therapieansprechen unsichtbar. Eine differenzierte Betrachtung von Geschlecht und Alter ist daher keine optionale Zusatzvariable, sondern zentrale Voraussetzung für valide Forschungsergebnisse. Besonders deutlich wird dies in der Herzmedizin: Das erwähnte Beispiel des Herzinfarkts zeigt, wie stark Diagnostik und Therapie historisch am männlichen Referenzmodell ausgerichtet waren (Abb. 1). Doch das Problem beschränkt sich keineswegs auf die Kardiologie. Auch in vielen anderen Fachbereichen liegen deutlich weniger Daten zu Frauen vor – etwa in der Pharmakotherapie [1].
Abbildung 1: Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Symptomatik eines Myokardinfarkts bei Frauen und Männern ([4]; Reprint unter der Creative Commons Attribution 4.0 International Lizenz). Mit * gekennzeichnete Symptome treten häufiger auf, mit ** gekennzeichnete Symptome seltener.
Schon seit Längerem ist bekannt, dass Frauen bei vielen Medikamenten häufiger oder stärker von Nebenwirkungen betroffen sind als Männer. Ein zentraler Grund dafür: Zahlreiche Arzneimittel wurden überwiegend an männlichen Probanden entwickelt und getestet, während geschlechtsspezifische Unterschiede im Stoffwechsel unzureichend berücksichtigt wurden [1]. Dabei beeinflussen Faktoren wie Hormonstatus, Enzymaktivität, Körperzusammensetzung, Fettanteil, Magen-Darm-Passage und Nierenfunktion maßgeblich die sogenannte Pharmakokinetik – also die Aufnahme, Verteilung, Verstoffwechselung und Ausscheidung eines Wirkstoffs im Körper.
Diese Prozesse können sich zwischen Frauen und Männern erheblich unterscheiden. Was bis in die 1990er-Jahre hinein primär an männlichen Studienteilnehmern erforscht wurde, floss dennoch direkt in die allgemeine medizinische Praxis ein. Standarddosierungen orientierten sich häufig am männlichen Referenzkörper – mit der Folge, dass Frauen vielfach dieselbe Dosis erhielten, obwohl ihr Organismus Wirkstoffe anders verarbeitet. Im ungünstigsten Fall führte dies zu schweren Nebenwirkungen oder lebensbedrohlichen Komplikationen [2].
Geschlechterrepräsentative Studien – Wer wird (nicht) erforscht?
Über Jahrzehnte hinweg prägten männliche Probanden, Perspektiven und Entscheidungsstrukturen nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die medizinische Forschung. Geschlechtergerechte Wissenschaft beginnt daher mit einer grundlegenden Frage: Wer wird überhaupt untersucht – und wer nicht? Noch immer sind Frauen in vielen klinischen Studien unterrepräsentiert, insbesondere in frühen Phasen der Arzneimittelentwicklung sowie in der Sport- und Trainingswissenschaft [5, 6]. Zyklische Hormonschwankungen, potenzielle Schwangerschaften oder die vermeintliche „Komplexität“ der weiblichen Physiologie werden dabei häufig als methodische Herausforderung angeführt – und dienen nicht selten als Begründung für einen Ausschluss. Doch selbst wenn Frauen eingeschlossen werden, fehlt oft eine systematische geschlechtsspezifische Auswertung. Daten werden nicht getrennt analysiert, Unterschiede nach Zyklusphase, Lebensalter oder hormonellem Status bleiben unberücksichtigt [7]. Der Gender Bias beginnt dabei vielfach bereits in der präklinischen Forschung: Grundlagenexperimente werden bis heute überwiegend an männlichen Versuchstieren durchgeführt, um Variabilität, Kosten und Versuchsaufwand zu reduzieren [8].
Regulatorisch hat sich erst spät etwas bewegt. In den USA existiert seit 1994 eine Richtlinie, die vorgibt, dass neue Arzneimittel auch an Frauen getestet werden müssen. In der Europäischen Union ist die verpflichtende Einbeziehung von Frauen in klinische Studien sogar erst seit 2005 verankert [2]. Doch eine bloße 50:50-Verteilung reicht nicht aus, um geschlechtergerechte Evidenz zu schaffen. Entscheidend ist, dass Studienpopulationen die tatsächliche Krankheitsverteilung widerspiegeln – also danach ausgerichtet werden, wie häufig eine Erkrankung bei Frauen und Männern auftritt. Ebenso notwendig ist eine verpflichtende geschlechtsspezifische Datenauswertung. Zweifellos erhöht dies die Komplexität, den methodischen Aufwand und die Kosten klinischer Forschung. Langfristig jedoch verbessert es die Datenqualität – und damit Diagnostik, Therapie und Sicherheit für alle Geschlechter.
Strukturen in Bewegung: Auf dem Weg zur geschlechtersensiblen Medizin
Das Bewusstsein für die Gender Data Gap wächst – und mit ihm die Bereitschaft, medizinische Forschung und Versorgung neu zu denken. Politische und institutionelle Initiativen setzen zunehmend Impulse, um bestehende Daten- und Wissenslücken zu schließen. So veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Juli 2024 die Förderrichtlinie „Interaktive Technologien für eine geschlechtsspezifische Gesundheit“. Bis 2028 sollen rund 15 Millionen Euro in Projekte fließen, die geschlechtsspezifische Aspekte in der Medizin systematisch untersuchen und innovative Lösungsansätze entwickeln [9]. Auch in der medizinischen Ausbildung zeichnet sich ein Wandel ab: Gendermedizin soll verbindlicher Bestandteil des Medizinstudiums werden. Bislang ist die Integration geschlechtersensibler Inhalte in die Curricula deutscher Universitäten jedoch noch lückenhaft und stark standortabhängig [10]. Dabei entscheidet gerade die Ausbildung zukünftiger Ärztinnen und Ärzte darüber, wie selbstverständlich geschlechtsspezifische Unterschiede in Diagnostik und Therapie berücksichtigt werden.
Ein zentraler Baustein moderner Gendermedizin ist zudem die Anerkennung von Intersektionalität. Frauen – ebenso wie Menschen anderer Geschlechter – sind keine homogene Gruppe. Gesundheitliche Risiken, Versorgungserfahrungen und Therapieerfolge unterscheiden sich je nach Alter, sexueller Orientierung, Migrationshintergrund, Behinderung, sozialer Lage und weiteren sozialen Determinanten [3]. Geschlechtersensible Medizin bedeutet daher mehr als die Berücksichtigung biologischer Unterschiede. Sie verbindet biologische und soziokulturelle Faktoren, um eine möglichst gerechte und personalisierte Versorgung zu ermöglichen [1]. Um die Vielfalt der Bevölkerung realistisch abzubilden, muss Forschung intersektional gedacht werden – und über eine rein binäre Geschlechterperspektive hinausgehen.
Heute ist klar: Geschlecht beeinflusst Symptome, Krankheitsverläufe, Arzneimittelwirkungen und Therapieerfolge. Geschlechtersensible Medizin ist daher entscheidend für eine gerechte und wirksame Versorgung. Nachhaltige Veränderungen erfordern systematische Maßnahmen – von der sorgfältigen Studienplanung über eine geschlechtsspezifische Datenauswertung bis hin zur Integration in die medizinische Ausbildung.
Übrigens: Gendermedizin betrifft nicht nur Frauen – auch Männer profitieren davon! So gelten Depressionen nach wie vor häufig als typische „Frauenerkrankung“, weshalb sie bei Männern nicht selten unterschätzt oder fehldiagnostiziert werden. Gleichzeitig wissen viele nicht, dass auch Männer an Osteoporose oder Brustkrebs erkranken können [10].
Quellen
[1] https://www.apotheken-umschau.de/news/geschlechterunterschiede-in-der-medizin-schlimmstenfalls-geht-es-um-leben-und-tod-1246109.html, 01.03.2026
[2] https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/gender-health-gap/, 01.03.2026
[3] https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/wissen/themenfelder/geschlechtersensible-medizin/Geschlechtersensible Medizin - Bundesstiftung Gleichstellung, 01.03.2026
[4] https://doi.org/10.33548/SCIENTIA1277, 04.03.2026
[5] Costello JT, Bieuzen F, Bleakley CM. Where are all the female participants in Sports and Exercise Medicine research? Eur J Sport Sci. 2014;14(8):847–851.
[6] Mauvais-Jarvis F, Bairey Merz N, Barnes PJ, Brinton RD, Carrero J-J, DeMeo DL, Vries GJ de, Epperson CN, Govindan R, Klein SL, et al. Sex and gender: modifiers of health, disease, and medicine. Lancet. 2020;396(10250):565–582.
[7] https://www.linkedin.com/pulse/gender-bias-der-medizin-warum-gleiche-versorgung-ohne-lohr-d39fe/, 01.03.2026
[8] https://www.heise.de/hintergrund/Gender-Health-Gap-Es-fehlt-an-Grundlagenforschung-10307808.html, 01.03.2026
[9] https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Bekanntmachungen/DE/2024/07/2024-07-12-Bekanntmachung-Gender-Health-Gap.html, 01.03.2026
[10] https://www.aekb.de/aktuelles/detail/gendermedizin-im-medizinstudium-verankern, 01.03.2026